Beidäugige Sehstörungen

 

Normales Binokularsehen

Unter dem Menüpunkt Brillenglasbestimmung wurden die Strukturen des menschlichen Auges bereits kurz beschrieben. Trotzdem soll zum besseren Verständnis des beidäugigen Sehens die Netzhaut und die Fovea (Netzhautgrube) noch einmal kurz erklärt werden. Wie in der schematischen Abbildung des Auges (siehe Menüpunkt Brillenglasbestimmung) erkennbar ist, beginnt die Netzhaut beim Ziliarkörper und kleidet den größten Teil des Augeninneren aus. In der Netzhaut befinden sich zwei Typen von Rezeptoren mit unterschiedlichen Aufgaben, nämlich die Zapfen und die Stäbchen. Die Zapfen sind für das Farbsehen und die Stäbchen für die Schwarz-Weiß Wahrnehmung zuständig. Diese beiden Rezeptorentypen sind aber nicht gleichmäßig über die gesamte Netzhaut verteilt. Es gibt eine besondere Netzhautstelle, nämlich die Fovea (Netzhautgrube). Im Zentrum der Netzhautgrube befinden sich in einer sehr hohen Dichte ausschließlich Zapfen (Farbsehen), in der Peripherie der Netzhautgrube nimmt die Dichte an Rezeptoren etwas ab und es sind zunehmend auch Stäbchen vorhanden, außerhalb der Fovea sind nahezu ausschließlich Stäbchen vorhanden. Daraus resultiert die höchste Sehschärfe (Auflösungsvermögen) im Zentrum der Netzhautgrube. Im Zentrum der Netzhautgrube ist auch das Fixierzentrum etabliert. Wenn wir also ein Objekt, zum Beispiel die Buchstaben dieses Textes, erkennen wollen, dann bringen die Bewegungsmuskeln des Auges den Augapfel in eine Stellung, sodass das optische System des Auges das angeblickte Objekt exakt im Fixationszentrum der Fovea abbildet.

Die schematische Abbildung zeigt ein Augenpaar welches einen Objektpunkt (roter Punkt) ideal fixiert. Die Bewegungs-muskeln beider Augen bringen die Augen in eine Stellung bei welcher die Abbildung des Objektpunktes sowohl im rechten als auch im linken Auge exakt im Fixierzentrum der Netzhautgrube abgebildet wird.

Ein Augenpaar ohne Fehlsichtigkeit (Emmetrop) und mit idealen Binokularsehen ermöglicht also, dass beide Augen den Objektpunkt deutlich erkennen und das übergeordnete Netzhautfunktionen wie zum Beispiel die stereoskopische Wahrnehmung (3-D Sehen) störungsfrei zur Entfaltung kommen.

 

 

Störungen des Binokularsehens

In der folgenden schematischen Abbildung ist ein Augenpaar dargestellt bei welchem beide Augen Emmetrop, also Normalsichtig sind (siehe Menüpunkt Brillenglasbestimmung). Aber in diesm Beispiel können die Bewegungsmuskeln zumindest eines der beiden Augen nicht mehr in die ideale Fixierstellung bringen.

Ein Auge weicht also so ab, dass der ange- blickte Objektpunkt außerhalb des Fixation- zentrums abgebildet wird. In diesem Moment wird der angeblickte Objekt- punkt doppelt gesehen. Doppeltsehen ist sehr Störend und die Natur hat es nun vorgesehen, dass die Bewegungsmuskeln mit erheblichen Aufwand versuchen den Stellungsfehler auszugleichen. Kann der Stellungsfehler ausgeglichen werden dann wird wieder beidäugig einfach gesehen – aber leider mit teilweise erheblicher Anstrengung. Diese Störung des binokularen Sehens nannt man Heterophorie.

Kann der Stellungsfehler nicht mehr ausgeglichen werden, dann liegt ein Strabismus (Schielen) vor.

 

Wie wirkt sich eine binokulare Sehstörung aus?

Vorab soll versucht werden drei häufig vorkommende Störungen des Binokularsehens zu beschreiben:

Anisometropie (Ungleichsichtigkeit)
Bei der Anisometropie liegt ein deutlicher Unterschied einer Fehlsichtigkeit zwischen dem rechten und dem linken Auge vor. Die daraus resultierende Korrektion ergibt also einen erheblich unterschiedlichen dioptrischen Wert beider Augen (Beispiel: rechtes Auge -1,00 und linkes Auge -8,00). Die Korrektion kann also zu einer Aniseikonie (Bildgrößendifferenz) führen, also zu unterschiedlich großen Abbildungen auf der Netzhaut, welche auf Grund ihres Größenunterschiedes vom Gehirn nicht mehr als „Einfachbild“ verarbeitet werden kann. Die Korrektion wird, so möglich, meist mit Kontaktlinsen durchgeführt. Die Kontaktlinsenkorrektion verursacht immer nur einen geringen Größenunterschied der Netzhautbilder und es kann wieder binokular einfach gesehen werden.

Strabismus (Manifestes Schielen)
Schielstörungen bei Kindern sollen unbedingt sehr früh erkannt und umgehend Behandelt werden um Entwicklungsstörungen des Sehens mit bleibendem Schaden, zum Beispiel eine Sehschwäche (Amblyopie), zu vermeiden. In Österreich empfiehlt sich daher dringend eine regelmäßige Abklärung durch den Ophthalmologen. Die Behandlung eines schielenden Kindes wird in Österreich dann meist in speziellen „Sehschulen“ von hervorragend dafür ausgebildeten Orthoptistinnen/Orthoptisten durchgeführt.
Auftretende Schielstörungen in späteren Lebensjahren werden vom Betroffenen oft durch ein plötzlich auftretendes Doppeltsehen wahrgenommen und haben meistens eine „Systemische Ursache“ (Beispiel: Schlaganfall, Infarkt u.v.m.). Auch in diesem Fall empfiehlt sich eine sofortige ophthalmologische Abklärung.

Heterophorie (Latentes Schielen)
Bei einer Heterophorie liegt ein Stellungsfehler (Fixierfehler) vor welcher durch zusätzliche Mehrarbeit der Bewegungsmuskeln der Augen ausgeglichen werden kann. Diese Mehrarbeit der Bewegungsmuskeln ist aber in vielen Fällen sehr anstrengend und äußert sich oft mit so genannten „Asthenopischen Beschwerden“. Unter dem Begriff „Asthenopische Beschwerden“ wird ein Symptomenkomplex wie müde Augen, Kopfweh, Augenbrennen, zeitweilig verzögerte Scharfstellung, gelegentliche Doppelbilder, herabgesetzte Tiefenwahrnehmung u.v.m. beschrieben.

 

Kann man eine Heterophorie Korrigieren?

Diese Frage kann mit einem klaren „JA“ beantwortet werden. Die Korrektionswürdigkeit einer Heterophorie richtet sich allerdings nicht unbedingt nach der Größenordnung der Abweichung des latenten Stellungsfehlers sondern vielmehr nach dem Ausmaß der verursachten Beschwerden. Unglücklicherweise verursachen oft sehr geringe Heterophorien (Abweichungen) relativ große Beschwerden. Die Feststellung kleiner Heterophorien ist aber schwierig und es eignen sich leider nicht alle Messmethoden dazu minimale Abweichungen des Binokularsehens zu messen. Das Thema Heterophorie ist sehr komplex und alle Unterarten von Heterophorien genau zu beschreiben führt hier zu weit. Trotzdem kann man grundsätzlich zwei wesentliche Möglichkeiten zur Verbesserung der Beschwerden bei vorliegen einer Heterophorie beschreiben, Visualtraining oder eine Korrektion mittels Prismenbrille.

Viele betroffene Menschen haben bereits erlebt, dass die Diskussion zum Thema Heterophorie sehr ambivalent und leidenschaftlich zwischen „Gegner“ und „Befürworter“ prismatischer Korrektionen geführt wird. Wie auch immer, es ist eine Tatsache, dass viele Betroffene teilweise massive Beschwerden haben, Hilfe suchen und diese oft nicht bekommen.

Es gibt unterschiedlichste Messverfahren zur Prüfung einer eventuellen Abweichung der Sehachsen des Augenpaares. Leider eignen sich aber nur wenige Messverfahren dazu jenen Teil einer Heterophorie festzustellen welcher sich mittels Prismenbrille korrigieren lässt.

 

Was ist eine Winkelfehlsichtigkeit?

Genau genommen beschreibt der Begriff „Winkelfehlsichtigkeit“ lediglich eine Mess- und Korrektionsmethode einer Heterophorie sowie einer Fixationsdisparation welche von Hans Joachim Haase entwickelt wurde. Diese Mess- und Korrektionsmethode nach H.J.Haase (MKH) ist auch unter dem Begriff „Pola Test Methode“ oder „Zeiss Polatest Methode“ bekannt. Allerdings ist diese Bezeichnung unkorrekt, denn es gibt seit längerer Zeit viel Messgeräte mit denen die MKH korrekt durchgeführt werden kann.

Die MKH zählt zu den effektivsten Messmethoden zur Ermittlung der prismatischen Korrektionswerte und wird von Dr Wolfgang Dusek seit über 30 Jahren erfolgreich angewandt.

 

Wie wirkt eine Prismenbrille?

Die schematische Abbildung zeigt wieder ein Augenpaar wie unter Menüpunkt „Störungen des Binokularsehens“ mit einer Heterophorie. Die prismatische Korrektion sorgt nun dafür, dass das abweichende Auge in seiner entspannten Stellung (Fehlstellung) bleiben kann und lenkt den abbildeten Lichtstrahl wieder in das Fixationszentrum ab. Die Bewegungs-muskeln des betroffenen Auges müssen also keinen zusätzlichen Aufwand betreiben und das angeblickte Objekt (Roter Punkt) wird trotzdem in beiden Augen im Fixationszentrum abgebildet.

Einfach erklärt: Die prismatische Korrektion ermöglicht dem Betroffenen mit Heterophorie ideale binokulare Wahrnehmung ohne zusätzlichen Muskelaufwand (Anstrengung).